Mit dem ERASMUS-Programm in Kroatien - ein etwas anderer Praktikumsbericht von Markus Bartolic


Der Beruf des Physiotherapeuten war immer schon ein Traum von mir, leider fehlte zunächst das Geld und dann die Zeit. Aber manchmal erfüllt sich über Umwege dann doch noch ein Traum. Mit 37 Jahren bin ich zu der Verwirklichung meines Berufswunsches gekommen. 4 Jahre Bundeswehr, Abitur auf dem 2. Bildungsweg, Studium der Sportwissenschaft und Englisch auf Lehramt, der Weg in die Selbständigkeit als Personal Trainer - das sind meine bisherigen Etappen des Lebens.

Erst im Letzteren, durch die Tätigkeit als Personal Trainer, hat sich für mich die Notwendigkeit bestätigt, doch noch einmal die Schulbank zu drücken und den Weg des Physiotherapeuten einzuschlagen, um langfristig meine Passion des Sportes mit der Therapie zu verbinden. Menschen bei der Erreichung ihrer Ziele und dem Erhalt ihrer Gesundheit zu helfen, ist eine erfüllende Aufgabe. Durch die vorausgegangenen Praktikumseinsätze und die daraus resultierende Bestätigung, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, wollte ich nun noch einmal über den Tellerrand hinaus schauen.

Durch unseren ERASMUS Beauftragten der Physiotherapieschule bin ich auf das ERASMUS Mobilitätsprogramm für Gesundheitsberufe gestoßen und schnell stand fest: Das mache ich! Europa wächst zusammen - daran glaube ich ganz fest. Ein starrer Gedanke - ich lebe in Deutschland und was sonst wo passiert interessiert mich nicht - ist in meinen Augen ein falscher Weg. Ich finde es sinnvoll, andere Herangehensweisen kennenzulernen. "Wie ist z.B. das Gesundheitssystem in anderen Nachbarländern organisiert?" "Wie gestalten sich Therapien in anderen Ländern?" "Arbeiten die Therapeuten dort anders?" Das waren nur einige wenige Fragen, die mich dazu bewegten, in meinem Alter noch einmal den Sprungins Ausland zu wagen.

Nachdem ich mich ausgiebig mit dem Programm auseinandergesetzt habe, entschied ich mich, einen Versuch zu starten, dieses Praktikum in Split/ Kroatien zu absolvieren. Warum Split? Als Sohn eines kroatischen Vaters und einer deutschen Mutter, lag es nahe, diese Erfahrungen in einem Land zu machen, dem ich mich kulturell sehr verbunden fühle.

Neue Einblicke zu erlangen und die weitere Vertiefung meiner Sprachkenntnisse, vor allem auf dem beruflichen/ medizinischen Niveau, waren meine Erwartungen und Hoffnungen an ein solches Praktikum. Zudem bietet die Uniklinik in Split, in der zweitgrößten Stadt Kroatiens, ein sehr breites Einsatzspektrum für Physiotherapeuten - nahezu alle Fachbereiche werden abgedeckt. Weiterhin kamen hinzu, dass mich als geschichtlich Interessierter, insbesondere die bis in die römische Zeit zurückreichende Geschichte der Stadt Split, mit ihren zahlreichen Baudenkmälern und Museen faszinierte. Diese geschichtliche Tradition, verbunden mit dem mediterranen Lebensstil, der Weltoffenheit und Gastfreundlichkeit der Bewohner, ließ die Stadt für mich zu einem sehr attraktiven Praktikumsziel werden.

Nachdem nun die Entscheidung für Split gefallen war, habe ich Kontakt mit der physiotherapeutischen Leitung der dortigen Klinik aufgenommen, um die Möglichkeiten auszuloten und die Bereitschaft zu erfragen, mir eine solche Möglichkeit zu eröffnen. Mit offenen Armen und großem Interesse wurde mir direkt eine Zusage für einen möglichen, durch ERASMUS geförderten, Einsatz erteilt.

Alle notwendigen Unterlagen wurden zügig und vollständig durch die Verantwortlichen an mich weitergeleitet und somit stand der Bewerbung für das ERASMUS Mobilitätsprogramm nichts mehr im Wege. Es erfolgte die Zusage und das Praktikum konnte losgehen.

Nach Zusage und Erhalt der notwendigen Unterlagen standen zunächst die Unterkunftssuche sowie die Reiseplanung im Vordergrund. Flüge zu buchen sollte nun keine Kunst sein. Bei der Unterkunft nutzte ich diverse Onlineportale sowie die Daten, die mir durch die Klinik zur Verfügung gestellt wurden, und alles Erforderliche konnte binnen weniger Tage festgemacht werden. Am 05.02.18 begann nun mein fünf wöchiges physiotherapeutisches Praktikum im KBC Split.

Der Empfang war herzlich - wie bereits im Learning Agreement vereinbart, wurden meine Einsatzbereiche und Zeiträume im Vorfeld organisiert. Somit stand einem reibungslosen Beginn nichts im Wege. Meine ersten zwei Wochen wurde ich auf den neurologischen Stationen des Krankenhauses eingesetzt. Ich wurde meinen zwei Mentoren zugeteilt, welche mir zunächst eine tolle Einführung in die Abteilung und eine Beschreibung der Abläufe zukommen ließen. Zügig ging es dann an die ersten Patienten. Zunächst hospitierte ich die ersten zwei Tage und danach behandelte ich, nach Absprache und in enger Zusammenarbeit mit meinen Mentoren, die ersten Patienten eigenständig.

Zunächst das Positive für mich: aufgrund der Größe des Hauses und des großen Einzugsgebietes der Klinik, hatte ich die Gelegenheit unglaublich viele, zuvor in der Theorie besprochene Krankheitsbilder zu sehen. Toll war weiterhin, dass die Kollegen mich voll integriert haben und interessiert an einem Austausch waren.

Das Negative - aber auch daraus kam für mich etwas Positives heraus: ich machte eine Zeitreise. Obgleich Kroatien als EU Mitglied gewisse Normen erfüllt und ein Einheitskrankenversicherungssystem besitzt, so sind z.B der sozialistische Einfluss aus dem ehemaligen Jugoslawiens und das fehlende Geld im Gesundheitssystem in der Klinik an jeder Ecke sicht- und spürbar. Es geht bei den Besuchszeiten los, weiter über die Ausstattung der Krankenzimmer bis hin zu materieller Ausstattung für die Physiotherapie und, und, und. Aus den vielen, für mich zunächst schwer zu akzeptierenden Umständen habe ich dennoch auch eine Menge positives ziehen können.

Zunächst zeigte es mir, dass eine Physiotherapie auch ohne viele Hilfsmittel durchführbar ist. Weiterhin spiegelte sich die gelassene dalmatinische Art häufig wider, wodurch mit einem Augenzwinkern von allen Beteiligten das Beste aus den Rahmenbedingungen gemacht wurde. Viele nette und dankbare Patienten habe ich in diesen zwei Wochen kennengelernt und behandeln dürfen, sodass ich mich in diesem Abschnitt sehr gut für meine praktische Examensprüfung vorbereitet fühle.

Die nächsten zwei Wochen standen nun im Zeichen der Kinder. Ich hatte die Möglichkeit in die Neuropädiatrie hinein zu schnuppern, und auch dort konnte ich aufgrund der zuvorerwähnten Größe der Klinik wieder viele und auch seltenen neurologische Kinderkrankheiten kennenlernen. Der Ablauf zu Beginn war ähnlich - herzliche Aufnahme, Einführung in die Abläufe usw. In diesem Einsatzgebiet stand vornehmlich das Hospitieren im Vordergrund und auch dort wurde ich von tollen Therapeuten in die Behandlung integriert. So durfte auch ich mich an einigen „Mini-Patienten“ versuchen. Prägend waren vor allem die Besuche auf derKinderintensivstation.

Hier gibt es überhaupt nichts Negatives zu berichten. Kindertherapie auf dem neusten Stand und in allen Facetten - Vojta, Bobath, SI etc. Wer weiß, vielleicht wird - inspiriert hierdurch - meine weitere Fortbildung doch sogar in Richtung Kindertherapie gehen!?

Die letzte Woche wurde noch einmal genutzt, mir alle ambulanten Therapiemöglichkeiten der Klinik zu präsentieren und Einblicke in diese zu gewähren. Weiterhin hatte ich in dieser Woche die Gelegenheit auf der Rehastation, welche als Übergang bis zur tatsächlich verordneten Reha-Maßnahme dient, viele der zuvor auf der neurologischen Station behandelten Patienten weiter zu betreuen und deren Krankheitsverlauf, oder besser deren Genesungsverlauf zu beobachten.

Alles in allem muss ich sagen, dass ich einen unglaublich tollen praktischen Einsatz, mit vielen prägenden Eindrücken absolviert habe. Viele Dinge konnte ich für mich mitnehmen, so z.B. dass ich unser deutsches Gesundheitssystem so schnell nicht mehr schlecht reden werde und die Erkenntnis, dass uns als Therapeuten gute Rahmenbedingungen für die Therapie zur Verfügung stehen. Weiterhin nehme ich einen Teil der dalmatinischen Gelassenheit und Unbekümmertheit mit.

„Hans“, so wurde ich von den Patienten und Kollegen, auf Grund der „deutschen Tugenden“, wie z.B. Pünktlichkeit, Ordnung und Regeleinhaltung, genannt. Alleine durch meine „deutsche“ Pünktlichkeit habe ich den Einen oder Anderen ziemlich ins Schleudern gebracht. Die Erkenntnis für „Hans“: Er wird sich nun nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen lassen und auch mal „fünfe“ gerade sein lassen, sofern vertretbar…

Zu Split möchte ich nur so viel sagen: Es ist eine unglaublich tolle Stadt, die für jeden etwas bereit hält und die es zu erkunden gilt. Wenn man sich etwas bemüht und kommunikativ ist, kann man dort interessante Menschen aus allen Lebensbereichen kennenlernen - von bekannten kroatischen Musikern, über Künstler bis hin zum typischen dalmatinischen Bürger - deren Lebensmotto „polako i pomalo“ (zu deutsch: „langsam und Stück für Stück“) sich auch ein wenig auf mich übertragen hat.

Demnach bleibt nur noch eines zu sagen:

„Traut Euch und geht diesen Schritt ins Auslandspraktikum-  ES LOHNT SICH!"

Münster, im März 2018

Markus Bartolic